Interview mit Ingwer – Hauptcharakter aus ‚Johanniskind‘

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, ein Interview mit Ingwer zu führen. Es hat mich meine ganze Überredungskunst gekostet, er war von einigen Fragen nicht begeistert. Aber lest selbst 🙂

 

Stelle dich bitte kurz vor.

Mein Name ist Ingwer. Ich bin gelernter Schmied, Mitte zwanzig, blond, blauäugig. Ziemlich groß, ich schätze mal so um die 6 Fuß. In eurer Zeit sagt man glaube ich 1,80m. Und natürlich bringt es mein Handwerk mit sich, dass ich kräftig bin. Ein Schwächling könnte den Schmiedehammer ja wohl kaum schwingen.

Geboren wurde ich an der Nordseeküste, den Ort weiß ich nicht mehr. In einer Vollmondnacht zwischen dem 23. und 24.6., als die Johannisfeuer brannten. So hab ich es im magischen Tisch gesehen.

Deshalb nennt man mich auch Johanniskind.

Die Zauberkundigen munkeln, dass Johanniskinder etwas Besonderes sind. Sie können einen Blick in die Zwischenwelt werfen und über magische Fähigkeiten verfügen. Das mit der Zwischenwelt stimmt – was die Magie angeht, das hab ich noch nicht ausprobiert. Sollte ich vielleicht mal …

Die ersten Jahre meines Lebens wuchs ich in dem kleinen Dorf an der Küste auf. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, meinen Vater habe ich nie kennengelernt, weil er beim Fischen ertrunken ist. Deshalb zog mich die Dorfgemeinschaft auf.

Als ich ungefähr vier oder fünf war, rettete mich Lariana vor der Flut und brachte mich in die Zwischenwelt. Sie adoptierte mich, und ich wuchs bei ihr, der Herrin der Lichtwelt, auf. Dort erlernte ich mein Handwerk, und als es an der Zeit war – als Nekke die Flucht aus Gereons Verlies gelang – kehrte ich in die Menschenwelt zurück, genauer gesagt nach Rungholt. Damals war ich achtzehn oder neunzehn, genau weiß ich das gar nicht.

Mittlerweile lebe und arbeite ich wieder in der Zwischenwelt – nach einer halsbrecherischen Flucht vor der Flut, die Rungholt zerstörte. Die Menschen sagen, es ging unter, weil die Rungholter gotteslästerliche Menschen waren – ich weiß es besser, denn ich war dabei.

Es war Nekke, der Schwarzmagier, der seine machthungrigen Krallen nach der Weltherrschaft ausgestreckt hat.

Bist du ein eher positiver oder eher negativer Mensch?

Früher hätte ich gesagt, durchweg positiv. Irgendwie konnte mich nichts erschüttern, ich fand immer eine Lösung oder etwas positives, egal wie verfahren eine Situation auch war. Na gut, als ich im Kerker saß, ging mir schon einiges durch den Kopf, das nicht so schön war. Aber mal ehrlich: Wer wäre beim Anblick einer Streckbank noch hoffnungsvoll? Trotzdem habe ich mein Ziel nicht aus den Augen verloren und das bedeutet: Nekke daran zu hindern, in den Besitz des Lapis nitidus zu gelangen.

Mittlerweile ist zu viel passiert, ich habe zu viel erlebt, um ausschließlich positiv an etwas heranzugehen. Und ich weiß auch nicht, ob sich mein Leben, so wie es im Moment ist, jemals wieder zum Positiven wendet … es ist schwierig. Ob es daran liegt, dass ich mir im Moment selbst nicht über den Weg trauen kann?

Was bringt dich zum Lachen?

Die Feuerelfen. Wenn ihr König Feurius sich so aufregt, dass er Funken schlägt. Flignis hat uns erzählt, wie sich bei den Feuerelfen die Geschlechtsreife bemerkbar macht. Mir tut jetzt noch der Bauch weh, wenn ich mir das vorstelle …

Verzeiht, ich musste schon wieder lachen. Sie sind so klein, nicht größer als einer meiner Finger – aber sie haben es wirklich in sich.

Wie siehst du dich selbst?

Wie soll ich das denn beantworten? Merkwürdige Fragen. Na gut, ich versuche es mal.

Ich bin ich, ein ganz normaler junger Mann.

Das dachte ich zumindest. Auch die Tatsache, dass ich das Johanniskind bin, hat für mich nie eine Rolle gespielt. Das war eben so, ich habe mein Schicksal erfüllt.

In letzter Zeit frage ich mich allerdings, ob es nicht besser gewesen wäre, dieses Schicksal nicht anzunehmen – wenn so etwas möglich ist. Ich bin zu einer Gefahr geworden, für meine Familie, meine Freunde – für Jeden.

Ich bin unberechenbar, Abschaum, nicht wert, dass irgendjemand sich um mich sorgt. Nicht wert, überhaupt zu leben. So sehe ich mich – in meinen guten Phasen.

Wie wirst du in Wahrheit von anderen gesehen?

Bei allen Drachen, wie sehen mich die anderen? Die Fragen werden ja immer besser. Woher soll ich das wissen? Ich kann sie nicht fragen, sie sind in sicherer Entfernung.

*Himmel, Ingwer! Was glaubst du denn, wie die anderen dich sehen? Du musst sie doch nicht persönlich fragen!*

Muss ich nicht?

*Nein. Also, was denkst du?*

Wenn das so ist … Ich glaube, für Lariana bin ich ihr Erstgeborener, für Gereon der Sohn, den er sich gewünscht hat. Manche sehen mich vielleicht als Helden, weil ich geholfen habe, die Zwischenwelt zu retten. Für Agnes bin ich ihr großer Bruder, dem sie bedingungslos vertrauen kann. Pfarrer Alard hält mich bestimmt für ein Großmaul, so, wie ich ihn anfangs behandelt habe. Fidibus, Gaax, Flignis und all die anderen? Für den Drachen bin ich möglicherweise  wie ein Drachenjunges, das man erst zurechtstutzen muss. Und ich hoffe, die anderen sehen mich als ihren Freund, auch wenn ich sie in letzter Zeit oftmals enttäuscht habe.

*Na siehst du, das war doch gar nicht so schwer.*

Was ist dein stärkster / was dein schwächster Charakterzug?

Ich weigere mich!

*Du machst was?*

Ich sagte: Ich weigere mich! Das geht mir zu weit. Ich werde doch nicht mein Innerstes hier vor allen offenbaren!

*Herrgott nochmal: Die anderen machen das doch auch! Jetzt stell dich nicht so an!*

Bin ich die anderen? Muss ich mitmachen, nur weil die anderen das tun?

*Was ist denn daran so schlimm, zu sagen, wo deine Stärken und Schwächen liegen? Die Leute möchten dich doch nur kennenlernen.*

Sollen sie das Buch lesen – da lernen sie mich kennen, können sich ihr eigenes Bild von mir machen.

*Glaubst du, das entspricht dem, was du von dir hast? Vielleicht finden sie dich ja … hm … ich weiß nicht …*

Du meinst, sie könnten mich nicht leiden? Und was ist daran so schlimm? Ich kann mich im Moment selbst nicht leiden – ich bin ein wertloses Stück Dreck, auf das sich niemand verlassen kann – nicht mal ich selbst. Ich wünschte, ich wäre wieder so wie früher …

*Hey, lass den Kopf nicht hängen – du hast immer alles geschafft, was du dir vorgenommen hast.*

Ja – aber es kommt mir vor, dass das ein Drachenleben her ist … und ich bin nicht mehr so unbeschwert, so … so jung und unerfahren …

*Das ist das Leben, Ingwer.  Diese Erfahrung machen wir alle – und wie wir damit umgehen, das macht uns aus. Wir können die Zeit nicht mehr zurückdrehen.*

Das weiß ich – aber ich will es schaffen, ich will wieder zu dem Menschen werden, auf den meine Freunde zählen können …

*Ich bin sicher, das wirst du …*

Wie reagierst du auf Lob / Kritik?

Ich mag es nicht, für etwas gelobt zu werden, was für mich eine Selbstverständlichkeit ist. Sowas macht  mich verlegen, weil ich nicht so recht weiß, wie ich damit umgehen soll. Wahrscheinlich werde ich dann auch noch rot, keine Ahnung. Jedenfalls fühle ich mich nicht wohl in meiner Haut.

Kritik anzunehmen, das ist einfacher – vor allem, wenn sie berechtigt ist. Die nehme ich mir sehr zu Herzen und versuche, mich zu bessern.

Aber wehe, wenn sie grundlos ist … dann sollte man mir vielleicht besser nicht zu nahe kommen.

Wovor hast du am meisten Angst?

Ich habe keine Angst …

*Quatsch, wem willst du das weismachen? Jeder hat vor irgendetwas Angst. Ich zum Beispiel vor Spinnen und anderen Krabbeltieren.*

Das ist doch lächerlich! Ich fliege auf einem Drachen, ich kämpfe gegen den größten Schwarzmagier der Zwischenwelt … als ob ich mich da vor Spinnen fürchten würde …

*Sag mal, warum kämpfst du gegen Nekke?*

Warum? Weil er sonst alles zerstören würde, die Lichtwelt, die Dunkelwelt … ja sogar die Menschenwelt …

*Also hast du davor Angst?*

Ist das Angst? Wenn du es so siehst … ja, vielleicht. Dann hätte ich Angst davor, alles was mir lieb und teuer ist zu verlieren. Ich könnte es nicht ertragen, wenn jemandem von meiner Familie, von meinen Freunden etwas Schlimmes widerfährt.

Was magst du an deinem Körper besonders? Und was gar nicht?

Ernsthaft? Entschuldige, dass ich lache … Über so etwas hab ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Wozu auch? Ich habe ausreichend Muskeln, um mein Handwerk auszuüben, das genügt doch. Außerdem stehe ich nicht stundenlang vor dem Spiegel und überlege, was mir gefällt oder nicht – bin ich ein eitles Weib?

Das war der erste Teil des Interviews – Ingwer war am Ende doch sehr redselig. Die folgenden Teile werde ich nach und nach ebenfalls veröffentlichen (sofern er mir keine Knüppel zwischen die Beine wirft)

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