Die kleine Meerjungfrau *reloaded

Die kleine Meerjungfrau *reloaded

 

Es war einmal eine kleine Meerjungfrau, die sich in einen Menschenprinzen verliebt hatte. Um bei ihm zu sein, gab sie ihren wundervollen Fischschwanz auf, um ihn fortan auf zwei Menschenbeinen zu begleiten.

Wie wir alle wissen, war dies der Anfang vom Ende, die kleine Meerjungfrau wurde verschmäht und löste sich in Wohlgefallen, ähm, Meerschaum auf.

So weit, so gut, ein Märchen ohne Happy End. Und grausam, wie alle Märchen.

Allerdings gibt es eine Welt mit drei Monden … unsere Traumwelt, wo man viele Dinge durch Fingerschnippen herzaubern kann.

In dieser wunderbaren Traumwelt schnippte irgendjemand.

Er stellte sich ein wundervolles Mahl, eine reich gedeckte Tafel mit allen Köstlichkeiten von Land und Meer vor.

Schnipp …

Es gab einen mächtigen Knall…ein Tisch, gedeckt mit dem feinsten Porzellan, wundervoll geschliffenen Kristallgläsern und dem zierlichsten Besteck aus Silber erschien.

Wie freute sich unser Fingerschnipper, wir wollen ihn mal Josef nennen.

Josef also freute sich ein Loch in den Bauch und betrachtete ehrfürchtig das Glitzern und Gleißen im zarten Kerzenschein.

Die drei Monde standen am Himmel, Sterne strahlten hell…und die Sonne ging am Horizont mit einem letzten Aufleuchten im sanft wogenden Ozean unter.

Eine traumhafte, romantische Stimmung umschwebte Josef. Die wunderbarsten Gefühle offenbarten sich in seinem Inneren, zarte Ranken der Sehnsucht und Liebe strebten empor … übertönt von einem grauenvoll lauten Magenknurren.

Da erkannte Josef, dass er bei seiner Schnipperei etwas vergessen hatte. Er konzentrierte sich, runzelte die Stirn, kniff die Augen fest zusammen, hielt die Luft an…und schnippte erneut.

Zarte Geigenklänge drangen an sein Ohr, untermalt von leisem Grillenzirpen. Sanft wehte eine leichte Brise und trug den leicht salzigen Duft des Meeres mit sich. Der Geruch nach frischem Seetang stieg Josef in die Nase, überlagert von einer zarten Note, die seine Nasenflügel beben ließ.

Dieser Duft … Josef versuchte ihn einzuordnen, seine Nase zuckte und zuckte. Dieses recht würzige Aroma erinnerte ihn an etwas, was ihm dereinst in Schweden als einheimische Spezialität serviert worden war.

Josef würgte. Immer intensiver wurde der Geruch, ja geradezu penetrant drang er in jede Körperöffnung, erfüllte Josef mit einem Widerwillen, der ihn auch in Schweden ergriffen hatte, als ihm jene Spezialität, Surströmming genannt, präsentiert und fast gewaltsam eingetrichtert wurde.

Entsetzt öffnete Josef die Augen.

Das Geigenorchester verstummte in einem schrillen Diskant, als sich auf der erlesenst gedeckten Tafel ein Etwas aufrichtete, das mit jeder Bewegung diesen faulig-verwesenden Geruch verströmte.

Josef zuckte zurück und betrachtete dieses Wesen. Ein zerfetzter Fischschwanz ging in den Oberkörper einer Frau über. Aber was für eine Frau. Selten hatte Josef etwas eigenartigeres gesehen. Lange grüne, strähnige Haare, durchsetzt mit Algen, Tang und Muscheln hingen schlaff auf einen faltigen, bleichen und glitschigen Rücken herunter, auf dem sich Seepocken und Miesmuscheln fröhlich ein Stelldichein gaben.

Faltige, mit Fischschuppen übersäte Arme gingen in Hände über, die entfernt an die Tentakeln einer Krake erinnerten. Nur die Saugnäpfe fehlten.

Auf Bauch und Brust des Wesens bildeten Korallen und Seeanemonen, die bereits vor langer Zeit das Zeitliche gesegnet haben mussten, eine kraterähnliche Landschaft.

Doch nichts erschien so … ungewöhnlich wie das Antlitz des Wesens.

Unter den strähnigen grünen Haaren schaute ihn das Gesicht eines Engels an.

Tiefblaue Augen strahlten mit den Sternen und den drei Monden um die Wette, eine zarte Stupsnase blitze vorwitzig zwischen den Strähnen hervor.

Das alles gekrönt von einem Mund, der jeden Mann zum Schwärmen bringen konnte.

Wenn …, ja, wenn da nicht diese merkwürdigen Auswüchse gewesen wären. Hummerscheren prangten auf der linken Seite der Stirn, während aus dem Kinn das zahnbewehrte Maul eines Seeteufels entsprang.

Auf der rechten Wange klebten Unmengen von Austern eng aneinandergeschmiegt, während auf der linken Wange Aal und Lachs einander umschlängelten.

Das alles gekrönt von einem Turm aus Seeigeln, der sich auf dem Haupt des Wesens türmte.

Langsam schlängelte sich das Wesen auf Josef zu, der nicht wusste, wie ihm geschah.

„Mein Gebieter, du hast mich gerufen. Ich bin hier, um dir jeden Wunsch zu erfüllen“, hauchte das Wesen mit reibeisenartiger, gluckernder Stimme.

Josef wich zurück. „Was bist du?“, fragte er entsetzt.

„Die Erfüllung all deiner Wünsche“, krächzte das Wesen.

„Das kann nicht sein. Nie im Leben habe ich mir so etwas gewünscht.“

„Hast du dir nicht die erlesensten Gerichte des Meeres gewünscht?“, fragte das Wesen und schwang seinen Fischschwanz über den Tisch, dass das Porzellan mit lautem Klirren auf dem Boden zersprang.

„Doch, schon“, stotterte Josef.

Das Wesen reckte Josef seinen Kopf entgegen. „Lachs, Aal, Seeteufel und Austern, wie gewünscht“, kicherte es scheppernd.

„Und wolltest du nicht eine wunderschöne Frau als Tischgenossin?“ Wieder reckte es Josef seinen Kopf entgegen und warf die Haarsträhnen nach hinten, um Stupsnase und Blauaugen zu enthüllen.

„Sieh her, sind das nicht die wundervollsten Züge, die du jemals gesehen hast? Genau so etwas wolltest du doch.“ Jetzt lachte das Wesen dröhnend, dass Josef eine Gänsehaut über den Körper lief.

„Ja, aber irgendwie …“ Josef trat verwirrt einen weiteren Schritt zurück, während das Wesen immer näher zu ihm rutschte.

„Und war es nicht dein Wunsch, einmal im Leben eine Meerjungfrau zu sehen?“ Das Wesen platschte vom Tisch herunter und schwabbelte schlangengleich auf Josef zu, der eiligst den Rückzug antrat.

„Ja schon“, kreischte er mittlerweile fast hysterisch, während das Wesen ihm immer mehr auf die Pelle rückte.

„So bin ich die Erfüllung all deiner Träume“, brüllte das Wesen, während es sich auf seine Schwanzflosse stellte und hoch aufrichtete.

Josef sank auf die Knie und schlug die Hände vors Gesicht.

„Aber doch nicht alles in einem“, stöhnte er verzweifelt.

 

Und was will uns diese Geschichte jetzt sagen?

Vielleicht ist sie die einzig wahre Erklärung dafür, dass der Prinz die Meerjungfrau damals verschmähte … falls Meerjungfrauen immer so aussehen.

Vielleicht bestätigt sich aber auch nur das Sprichwort ‚Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen.‘

Vielleicht bedeutet sie aber auch nur, dass man nie mit leerem Magen das Fingerschnippen versuchen soll.

 

(c) 2015 Silvia Nagels

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